Mittwoch, 22. August 2012

Vom Schubladendenken und Mobbing

Wohl jeder auf dieser Welt kennt es: Das Schubladendenken. Eine furchtbare Krankheit, die sich scheinbar direkt nach der Geburt infektiös unter den Menschen verbreitet. Die Inkubationszeit beträgt circa 6 Jahre; der Ausbruch findet in der Regel im Grundschulalter, in selteneren Fällen erst in der Pubertät statt. Das Hauptsymptom ist die unkontrollierte Einordnung anderer Menschen in sogenannte "Schubladen". Die Betroffenen weigern sich zumeist, von dieser Einordnung abzuweichen, selbst wenn ein unwiderlegbarer Gegenbeweis erbracht wird. In den meisten Fällen ist diese Einordnung für deren Objekte lediglich unangenehm und kann zu Selbstzweifeln und Wutausbrüchen führen. Zahlreiche Studien in freier Wildbahn belegen jedoch, dass die Betroffenen des Schubladendenkens in extremeren Verläufen dieser Krankheit zu psychischer und physischer Gewalt neigen, vor allem dann, wenn sich das Objekt des Schubladendenkens weigert, die ihm auferlegte "Schublade" anzunehmen, und Gegenbeweise zu liefern versucht.

Häufige Objekte des Schubladendenkens sind folgende Typen Mensch:
- Angehörige einer bestimmten Szene, z.B. Gothics, Rapper, Skater, Metaller, Gamer
- Angehörige einer anderen Religion, z.B. Juden, Muslime, Satanisten
- Personen mit einer anderen Hautfarbe, z.B. Schwarze oder Angehörige eines indianischen Stammes
- Bi-, Homo- und Transsexuelle
- Klassenbeste und generell jeder, der "besser" ist als der Erkrankte


Das Schubladendenken existiert jedoch nicht nur im sozialen Bereich, sondern auch im künstlerischen. Musikinterpreten, Schriftsteller, Maler und sonstige Künstler werden zwanghaft in "Schubladen" gesteckt. Wenn der betroffene Künstler einen Stilwechsel vornimmt, z.B. sich vom Thriller ab- und der Mystery zuwendet, wird er dazu angehalten, zu seiner ursprünglichen "Schublade" zurückzukehren. Geschieht dies nicht, kommt es zu Beleidigungen oder zur Abwendung von diesem Künstler. In selteneren Fällen wird dem Künstler körperliche Gewalt bis hin zum Mord gedroht.

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Ihr werdet euch jetzt sicher fragen, was zum Teufel die Sabrina genommen hat, um so etwas zusammenzuschreiben.

Nun, erst einmal kann ich euch beruhigen, das Einzige, was ich bisher intus habe, sind mehrere Gläser Wasser und ein Fisherman's Friend. Ihr wisst doch (oder auch nicht), dass ich weder Alkohol noch Drogen sonderlich berauschend finde (höhö, schlechter Wortwitz).

Nein, bewusstseinsbeeinflussende Substanzen haben mich nicht zum Verfassen dieses Postings veranlasst. Viel mehr war es eine Sache, die ich jetzt schon sehr häufig auf Youtube beobachten durfte. Riiischtisch, das Schubladendenken. Habter fein geraten ;) Ständig werden irgendwelche Bands in Schubladen gestopft, und wehe, sie nehmen mal eine Kursänderung vor. Dann stürmt gleich die halbe Fanbase auf sie ein, sendet beleidigende Kommentare, buht die Band auf Konzerten oder zu sonstigen offiziellen Anlässen aus, ja, sogar von Morddrohungen habe ich schon gehört.

Ein sehr konkreter und in der Metal-Szene seit nunmehr 7 Jahren kontrovers diskutierter Fall dieses Schubladendenkens ist die Band Nightwish. 2005 haben sie sich nämlich von ihrer Frontfrau Tarja Turunen, ein lyrischer Sopran, getrennt und 2007 dann die neue Sängerin, Anette Olzon, eine wahre Rockröhre, vorgestellt. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie die Die Hard-Tarja-Fans Amok gelaufen sind; einige von euch haben es vielleicht sogar mitbekommen. Anette wurde sogar damit gedroht, dass man sie vor den Augen ihrer Kinder umbringt, wenn sie nicht sofort bei Nightwish aussteigt. Dagegen waren die Buhrufe bei den Konzerten nicht viel mehr als ein kleines Ärgernis (das Anette aber trotzdem sehr mitnahm, denn sie ist schon in der Schule gemobbt worden, und das jetzt noch mal in sehr viel größerem Ausmaß zu erleben, war für sie die Hölle auf Erden).

Das ist jetzt natürlich ein ziemlich spezieller Fall. Wenn ihr es allgemeiner haben wollt, geht mal in eure/eine Schule und guckt euch an, wie die Schüler mit denen umspringen, die "anders" sind als der Rest, z.B. Klassenbeste, Angehörige einer Szene, Ausländer oder Schwule/Lesben/Bisexuelle. Ich durfte das Ganze während meiner Pflichtschulzeit auch erleben. Das ging sogar so weit, dass das Mobbing nicht mehr nur verbal war, sondern ich auch physisch attackiert wurde. Glücklicherweise war ich immer in der Lage, mich zu wehren, nur leider wurde das dann von den Angreifern so umgedreht, dass *ich* im Endeffekt eins auf den Deckel bekommen habe für meine Notwehr.

However. Das Schubladendenken ist wahnsinnig verbreitet, und als wäre das nicht traurig genug, ufert es in vielen Fällen in Gewalt aus, egal ob psychischer oder physischer Art. Als Schriftstellerin passiert mir das ziemlich selten, dass ich doof angemacht werde, aber als Goth Metallerin ist es fast sowas wie Alltag, schief angesehen und entweder als Emo oder als Satanist beschimpft zu werden.

Und das Schlimmste: Diese furchtbare Krankheit wird wohl niemals aussterben. Poor mankind.