Mittwoch, 15. August 2012

Rezension: Nightwish - Dark Passion Play

Jaja, ich weiß, ich gehe nicht chronologisch vor. Pfannt mich ruhig. Aber ich rezensiere die Nightwish-Alben nun mal in der Reihenfolge, in der ich sie gerade im CD-Player liegen habe. Und da ich gerade DPP ausgebuddelt und außerdem in der Encyclopaedia Metallum schon eine Rezension veröffentlicht habe, dachte ich, das wäre ein guter Zeitpunkt, das deutsche Pedant hier zu posten :)

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"Who the hell are you to tell me
What to do, why to do, why bother?"

Das scheint das Motto zu sein, das Tuomas Holopainen für sich gewählt hat, als er anfing, an Dark Passion Play zu arbeiten. Der Rauswurf Tarjas war ein tiefer Schnitt sowohl in die Bandgeschichte als auch das Herz der Fanbase. Tuomas wusste, dass viele die Entscheidung der Band nicht gutheißen würden, also hörte er auf, sich darum Gedanken zu machen. Er tat einfach, was er für das Beste hielt.

Und so ist dieses Album die Feuerprobe für die frischgebackene neue Leadsängerin Anette Olzon. Sie hatte ein Paar wahnsinnig großer Fußstapfen zu füllen, und meiner Meinung nach hat sie gute Arbeit geleistet, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass es ihr Schwierigkeiten bereitet hat, die höheren Noten zu treffen. Man hört auch, dass sie furchtbar nervös war und deswegen nicht ihre vollen Möglichkeiten ausnutzen konnte. Kein Wunder, wo sie doch wusste, dass sie vom ersten Moment an mit Tarja verglichen werden wird (auch wenn ich glaube, dass sie keine Ahnung hatte, WIE schlimm das Ganze sein würde, selbst jetzt noch, nach mehr als 7 Jahren). Wie auch immer. Anette zeigt immer noch, dass sie über eine gute Singtechnik verfügt, und sie legt wirklich all ihr Herz in ihren Gesang. Was ihr an Stimmqualität fehlt, macht sie mit Leidenschaft wieder wett. In meinen Augen gleicht sich das aus.


Die instrumentale Seite von Dark Passion Play ist in meinen Augen das wahre Problem. Es ist nicht so, dass es musikalisch schlechte Arbeit wäre - natürlich nicht, ich meine, hey, es ist Nightwish! - , aber da sind... Lasst es uns Schritt für Schritt durchgehen. Es gibt nur eine Handvoll Gitarrenriffe auf DPP, und die meisten sind viel zu kurz, um ernstgenommen zu werden. Und den Rest der Zeit werden sie kurzerhand vom omnipräsenten Orchester ertränkt. Hinzu kommt noch, dass das Gitarrenspiel ziemlich simpel gehalten wurde, was Emppu viel zu wenig abverlangt. Das wird ganz besonders deutlich, wenn man ihn live sieht. Manchmal sieht er aus wie ein Arbeitsloser, wie er einfach nur mit seiner Gitarre in der Hand dasteht und darauf wartet, dass er endlich mal etwas tun darf.
Marco hat ein bisschen mehr zu tun, aber der Bass steht auch irgendwie im Schatten des Orchesters - aber im Gegenteil zu Emppu hat er auch noch eine sehr wichtige Gesangsrolle... dazu später mehr.

Das gleiche Problem wie bei den Gitarren habe ich auch beim Drumming feststellen können. Sicher, Jukka hat eine Menge zu tun, und er sitzt nie einfach nur wartend in der Gegend herum, aber was er zu spielen hat, ist viel zu einfach. Aber das ist ja nichts Neues, ich meine, welches bisherige Nightwish-Album war außergewöhnlich herausfordernd für ihn? Viel zu selten, wage ich zu behaupten.

Lasst uns einen Blick auf das zuvor schon so oft erwähnte Orchester werfen. Es ist wirklich pompös, episch wie die Hölle... aber es nimmt verdammt noch mal viel zu viel Platz ein. Es ertränkt die "klassischen" Metal-Instrumente und manchmal sogar Anette (natürlich nicht auf dem Album, aber live sehr wohl, selbst wenn es nur ein "Dosenorchester" ist). Also wage ich zu behaupten, dass Tuomas die ganze Orchester-Sache ein bisschen übertrieben hat - mehr, als gut für die Band ist. Ich meine, hey, wann spielt Tuomas denn mal einen richtigen Keyboard-Part? Er ist auf der Bühne so gut wie arbeitslos! Ganz zu schweigen davon, dass sie live das Orchester vom Band laufen lassen müssen, da es selbst für Nightwish etwas zu kostspielig wäre, ein Orchester für eine gesamte Tour zu verpflichten.

So, und jetzt habe ich bisher vergessen, Marcos Gesangspart zu erwähnen, deswegen hole ich das jetzt nach. Er hat viel zu tun, denn er singt in fast jedem Song auf dem Album. Seine Stimme passt sehr gut zu der neuen Richtung, die Nightwish mit DPP einschlagen, auch wenn er manchmal nicht ganz so aggressiv klingt, wie ich es mir gewünscht hätte. Trotzdem verträgt sich seine Stimme prima mit der von Anette, sie stehen sich nicht gegenseitig im Weg, auch wenn Marco sie live manchmal an die Wand singt.

Genug davon. Lasst mich die ganze Sache zusammenfassen.

Dark Passion Play ist, trotz der erwähnten Schwächen, ein wirklich gutes Album, auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, dass es nicht mehr Nightwish ist.
Ich störe mich nicht an Änderungen, ich denke, jede Band muss sich über die Jahre entwickeln, aber das kam doch etwas zu abrupt für mich. Mit dem Wechsel der Sängerin hat sich alles geändert... alles, außer die wundervoll, wenn auch manchmal ziemlich prätentiös geschriebenen Lyrics, welche das Herz berühren, selbst wenn man es nicht will. Und auch die griffigen Melodien fehlen auf DPP nicht. Die wichtigen Dinge, die, die Nightwish ausmachen, sind immer noch da, auch wenn sie manchmal hinter Orchester & Co. versteckt sind. Und Anette ist eine wahre Bereicherung für die Band; sie muss sich nicht hinter Tarja verstecken. DPP mag nicht ihre beste gesangliche Leistung sein, aber soweit ich das beurteilen kann, hat sie sich wirklich mächtig weiterentwickelt, seit sie in der Band ist, und ich denke, mit den Jahren wird sie weiterwachsen an den Herausforderungen, die Nightwish an sie und ihre Stimme stellen.

Für die meisten Tarja-Fanboys und -girls war DPP sicherlich ein Schlag ins Gesicht, aber wer offen gegenüber Neuem ist und akzeptiert, dass Tarja niemals zurückkehren wird, wird erkennen, dass DPP nicht das Schlechteste ist, was Nightwish jemals produziert haben. 90% für dieses Album.

Anspieltipps: Bye Bye Beautiful, The Islander, 7 Days to the Wolves