Donnerstag, 24. Oktober 2013

[Interview] Maja Ilisch


Ab heute ist Narretey und Ketzerey um eine Kategorie reicher: Die Interviews. Dort werden mir ab sofort in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen Autoren, Musiker, Zeichner, eben jede Menge kreative Köpfe Rede und Antwort stehen. Ich freue mich sehr, dass ich für die Eröffnung Maja Ilisch gewinnen konnte, die dieses Jahr gleich zwei Romane veröffentlicht hat, über die wir natürlich auch im Interview gesprochen haben.
Kleine Warnung: Das Interview ist laaaaang. Also bitte Zeit mitbringen!
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(c) Petronella Freudenberg, Aachen
- Hallo Maja! Vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Interview nimmst. Stell dich doch einmal vor - wer bist du, was machst du, und wie bist du zum Schreiben gekommen?

Danke für die Einladung! Erst einmal zum Formellen: Mein Name ist Maja Ilisch, Jahrgang 1975, und ich lebe als freie Schriftstellerin im schönen Aachen. Bevor es dazu gekommen ist, habe ich als Bibliothekarin und Buchhändlerin gearbeitet, und weil die Situation auf dem Arbeitsmarkt in diesen Berufen sehr angespannt ist, kann ich meinen Lebenslauf mit noch ein paar sehr interessanten Sachen füllen, ich habe Wärmflaschen verkauft und eine Friedhofsstatistik erstellt, natürlich nur, damit ich später mal in Interviews mehr zu erzählen habe.
Aber dabei habe ich die ganze Zeit über geschrieben. Dazu bin ich auf dem einfachsten möglichen Weg gekommen: Im ersten Schuljahr habe ich schreiben gelernt, und es war für mich eine logische Folgerung, dass ich dann auch Geschichten schreibe - warum sonst hätte ich mir die ganze Mühe mit dem lernen machen sollen? Meine ersten schriftstellerischen Versuche stammen daher aus dem zweiten Schuljahr, aber das ist nichts, was heute irgendjemand würde lesen wollen. Richtig ernst geworden ist es, als ich so um die fünfzehn war und zum ersten Mal einen längeren Text (von legendären 35 Seiten) fertiggestellt habe.
Und von da an sind die Bücher einfach immer länger geworden. Im Studium habe ich dann meinen ersten Roman geschafft, und bis ich zu meiner ersten Veröffentlichung gekommen bin, konnte ich auf zwölf Romane, zwei Hörspielscripte und mehrere Drehbücher für Gerichtsshows zurückblicken. Schriftstellerei ist die einzige Tätigkeit, bei der ich es schaffe, meine Stelle auf Dauer zu behalten, da war es nur logisch, das dann auch irgendwann ganz offiziell zu meinem Beruf zu erklären.

- In den letzten Monaten sind zwei Romane von dir erschienen, "Das Puppenzimmer" bei dotbooks und "Geigenzauber" bei Carlsen Impress. War es schwer, die beiden Projekte an den Mann zu bringen? Deine Konzepte sind ja nicht unbedingt das, was man als gewöhnlich bezeichnen würde.

Es war nicht ganz einfach, aber immerhin, es hat geklappt - wenn man bedenkt, dass ich mich 1999 zum ersten Mal auf Verlagssuche gemacht habe, kann ich jetzt nur sagen, dass ich mit dem »Puppenzimmer« und »Geigenzauber« offenbar einen Nerv getroffen habe. Ich schreibe eigentlich meistens Bücher, die sich schwer einordnen lassen und von dem abweichen, was gerade in ist, aber ich habe eine ganz wunderbare Agentin, die an mich glaubt und die sehr gut darin ist, den Lektoren klarzumachen, dass sie sich meine Bücher trotzdem mal ansehen sollen. Es ist mitnichten so, dass die Verlage sich nicht für außergewöhnliche Stoffe interessieren, aber sie sind schwerer an den Leser zu bringen, und die Verlage wollen auch von etwas leben.
Gemessen an einigen Sachen, die ich im Laufe der Jahre geschrieben habe, sind die beiden Bücher jetzt auch noch ziemlich zivil, was den Grad der Ungewöhnlichkeit angeht. »Das Puppenzimmer« fängt an wie ein ganz klassischer Gaslichtroman mit allem, was dazugehört - furchtbar altmodisch, natürlich, aber nicht völlig abgehoben. Nur wie es dann weitergeht mit der Geschichte, das ist dann etwas, womit auch der gaslichterprobte Leser nicht unbedingt rechnet. Und »Geigenzauber« ist eigentlich eine lupenreine Fantasyromanze für junge Leser, aber ich habe Elemente hineingebracht, die das Buch aus der Reihe tanzen lassen. Ich spiele gerne mit den Erwartungen meiner Leser, und das geht natürlich nur, wenn sie an das Genre auch eine Erwartung haben.
Die wirklich, wirklich schrägen Themen, mit denen ich auch gerne arbeite, wird man wohl eher nicht auf dem Buchmarkt wiederfinden. Das sind Stoffe, die ich überwiegend für mich selbst schreibe, aller Professionalität zum Trotz. Aber wir werden sehen. Versuchen kann man ja mal …

- In "Geigenzauber" spielen psychische Erkrankungen eine Rolle. War es schwer, ein so empfindliches Thema in einen phantastischen Roman einzubringen?


Es ist eher umgekehrt: Die phantastische Umgebung erlaubt mir, dieses Thema in einem Jugendbuch anzusprechen, ohne dass es ein von vorne bis hinten trübsinniges Buch wird. Es gibt sehr wenig Jugendbücher, die sich mit psychischen Erkrankungen befassen, und es ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Ich hatte schon sehr lange geplant, ein Buch über die Sorgen und Nöte eines Mädchens mit einer psychisch kranken Mutter zu schreiben, aber die Aufarbeitung ist sehr schwer. Während z.B. Bücher zum Thema Alkoholismus damit enden, dass sich der Betroffene in Entzug begibt und es einen Hoffnungsschimmer gibt, ist es in »Geigenzauber« so, dass Mias Mutter am Anfang des Buches krank ist, und am Ende ist sie es immer noch, und Mia hat immer noch die Aussicht, dass sie eines Tages die gleichen Symptome entwickeln wird. Was sich aber ändert, ist ihre Art, mit der Krankheit in der Familie umzugehen, und die Verrücktheit zu akzeptieren.
Indem ich das Ganze aber in eine phantastische Liebesgeschichte eingesponnen habe, konnte ich das heikle und düstere Thema so verpacken, dass es nicht mehr so weh tut und auch Leser anspricht, die niemals von sich aus ein Problembuch über psychische Krankheiten lesen würden. Wenn man ein bisschen Feenstaub drüberstreut, wird alles genießbar, und die Reaktionen der Leser sind so, dass die allermeisten sich freuen, dass ich dieses Thema behandle und es sich durch die ganze Handlung zieht, statt nur als Aufhänger für die Romanze zu fungieren. Wenn ich es schaffe, ein paar Leser dafür zu sensibilisieren, wie alltäglich psychische Erkrankungen letztlich sind, dann bin ich da angekommen, wo ich mit dem Buch hinwollte.

- "Geigenzauber" hast du im NaNoWriMo geschrieben. Wie kamst du zu diesem novemberlichen Schreibwahnsinn? Was findest du daran so toll, und würdest du ihn auch anderen Schreiberlingen empfehlen?

Ich würde jedem Schreiber empfehlen, den NaNoWriMo einmal auszuprobieren, aber ich denke, er ist nicht für jeden etwas. Und damit meine ich nicht nur, dass nicht jeder Autor in der Lage ist, in einem Monat fünfzigtausend Wörter rauszuhauen, und viele das Druckgefühl nicht mögen - es gibt auch Autoren, die schreiben jedes Jahr mit Begeisterung und Erfolg ihren Nano und merken nicht, dass er ihnen nicht gut tut: Wenn der NaNoWriMo nicht als Initialzündung benutzt wird, um dem Ganzen ein produktives Jahr folgen zu lassen, sondern die Autoren anfangen zu denken, dass sie nur noch im November schreiben können und elf Monate lang nichts mehr tun können, dann sind sie auf dem falschen Weg.
Für mich war mein erster Nano eine echte Offenbarung, weil ich vorher noch nie unter Zeitdruck geschrieben hatte und davon ausging, ich bin nicht in der Lage, mich hinzusetzen und auf Kommando zu schreiben - und auf einmal hatte ich in einem Monat so viel geschrieben wie sonst in einem Jahr. Ich wäre auch eigentlich nicht im Traum auf die Idee gekommen, es wirklich zu versuchen, aber es gab damals einen Wettbewerb, Einsendeschluss 31. Dezember, an dem ich gerne teilnehmen wollte - im August hatte ich die Idee, ging aber davon aus, bis Ende des Jahres schaffe ich das sowieso nicht, dann kann ich es auch gleich seinlassen.
Aber ich hatte einer Freundin meinen Plot erzählt, und sie hat mir, strategisch in der letzten Oktoberwoche, den Link zur NaNoWriMo-Seite geschickt. Ich habe mich angemeldet, ohne große Hintergedanken und erst recht, ohne zu glauben, dass ich es schaffen könnte - das war mehr, als irgendjemand, den ich damals kannte, je in so kurzer Zeit geschafft hatte. Aber dann gab es eine zweite Nanitin in meiner kleinen Heimatstadt, die Lokalzeitung hat drüber berichtet, und auf einmal wurde ich beim Einkaufen und beim Zahnarzt auf mein Buch angesprochen und gefragt, wie ich denn so vorankomme, und das war dann der Antrieb, den ich brauchte. Ich konnte doch nicht vor dem ganzen Ort mein Gesicht verlieren!
Und nachdem ich es dann einmal geschafft hatte und wusste, dass ich es kann, hatte ich keine Ausreden mehr. Seit 2006 habe ich jedes Jahr teilgenommen, und bis auf 2008, wo ich aus gesundheitlichen Gründen nach einer Woche das Handtuch geworfen habe, es auch jedes Jahr geschafft. Aber ich muss aufpassen, ich darf mich nicht zu sehr unter Druck setzen deswegen und mir auch immer wieder klarmachen, dass es kein Weltuntergang ist, wenn man es nicht schafft, damit ich nicht zu verbissen an die Sache rangehe und mir nicht der Spaß dabei völlig verlorengeht.

- Neben dem Schreiben bist du auch die 'Mutter' des Tintenzirkels. Wie kamst du dazu, ein Forum extra für Fantasyautoren ins Leben zu rufen? War es in der Anfangsphase schwer, Mitglieder zu finden? Und wie bekommst du Administratorfunktion und Schriftstellerkarriere unter einen Hut?

Eigentlich wollte ich nie ein eigenes Forum haben, ich dachte, das ist von der Technik her viel zu schwer einzurichten. Also habe ich eine Mailingliste für Fantasyautoren ins Leben gerufen, Anfang Dezember 2001, und die ist gut gelaufen und in den nächsten Jahren stetig gewachsen. Als ich dann im Sommer 2004 das Forum eingerichtet habe - was nicht weiter schwer ist für jemanden, der keine Angst vor ein bisschen Quellcode und etwas Ahnung vom Webdesign hat - konnten wir also direkt mit mehreren Dutzend Mitgliedern dort einziehen, und das hat uns ganz die meisten Anlaufschwierigkeiten erspart.
Es war von Anfang an in allen Bereichen etwas los, was dann wieder neue Mitglieder angelockt hat, und die Mailingliste war quasi vom ersten Tag des Forums an weg vom Fenster; das Forum war einfach so viel komfortabler. Inzwischen ist es ja so weit, dass wir so viel Andrang haben, dass wir uns unsere Mitglieder aussuchen können, und damit halten wir das Forum in einer gesunden Größe, die nicht zu viel Arbeit macht.
Wenn ich das alles allein machen müsste, wäre das immer noch ein ganzer Berg an Aufgaben, die jeden Tag zu bewältigen sind, aber wir sind ein Team von acht Moderatorinnen, und damit geht es wirklich gut. Das Schwerste ist, den Überblick zu behalten, damit uns kein problematischer Beitrag durch die Lappen geht und wir schnell darauf reagieren können, und ein einzelner könnte nie das ganze Forum im Auge halten, aber im Team und mit gut dressierten Mitgliedern, die im Zweifelsfall einen Mod einschalten, ist das Forum weitgehend trollfrei und macht selten Probleme. Nur während des NaNoWriMos wird dann ein Vollzeitjob draus - dann komme ich mit Forum und Schreiben schon mal auf eine sechzig-Stunden-Woche. Ich habe jetzt Aufgaben delegiert, damit sich die Belastung etwas in Grenzen hält, aber es ist ja nur ein Monat im Jahr. Da ich außer der Schreiberei keinen Beruf mehr ausübe, der mir die Zeit wegfressen würde, darf ich mich wirklich nicht beschweren. Da sind andere deutlich schlimmer dran.

- Wo wir schon einmal bei unter einen Hut bringen sind ... Kannst du an mehreren Projekten gleichzeitig arbeiten, oder konzentrierst du dich immer nur auf eines?

Ich schreibe eigentlich immer mehrere Sachen parallel, aber ich habe ein Hauptprojekt, an dem ich viel schreibe, und andere, die ich nur dann raushole, wenn mir zu meinem eigentlichen aktuellen Roman nichts einfällt. Aber es kommt häufiger vor, dass ich nach ein paar Wochen das Interesse verliere oder mir der Plot ausgegangen ist, und dann mache ich einen fliegenden Wechsel und nehme mir ein anderes Buch vor. Ich muss mich nur erziehen, dass ich nicht andauernd neue Projekte anfange, bevor die alten fertig sind, denn wenn ich zu viele Baustellen habe, wird es doch manchmal schwer, den Überblick zu behalten.
Wenn ich gar nichts mehr schreibe, weil ich mich nicht entscheiden kann, an was ich jetzt arbeiten will, dann ist auch nichts gewonnen. Aber ich habe so oft neue Ideen, dass ich mit dem Schreiben nicht mehr nachkomme, und dann bleiben Bücher auf der Strecke. Manche belebe ich später noch einmal wieder, aber es gibt auch immer wieder Bücher, die auf dem Romanfriedhof enden - nicht alles, was sich am Anfang gut anhört, lässt sich auch so durchziehen, und wenn es schon an der Struktur scheitert, lässt sich das meistens nicht mehr retten - oder es würde deutlich mehr Arbeit machen, als ein anderes Buch vom Anfang bis zum Ende schreiben. Und dann muss ich schon sehr in das Projekt verliebt sein, um es doch noch zu versuchen.

- Magst du uns ein wenig über dein aktuelles Projekt erzählen?

Da könnte ich jetzt eine sehr lange Liste aufzählen - ich habe schon länger nichts mehr zu Ende geschrieben, aber eine ganze Reihe Romane in Arbeit. Gerade im Moment schreibe ich an drei Büchern: Da wäre zum einen ein viktorianischer Thriller mit Gruselelementen, den ich gerne als Nachfolger (nicht Fortsetzung) des »Puppenzimmers« an den Mann bringen würde, dann der dritte Band der Abenteuer meines Zwanziger-Jahre-Geisterjägers Percy Jessup, und zu guter Letzt ein nur auf den ersten Blick klassischer High-Fantasy-Roman, »Schattenklingen«, der auf drei Teile angelegt ist. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Ich habe noch zwei phantastische Jugendbücher, drei weitere High-Fantasy-Werke, der vierte Percy-Band ist auch schon fast halbfertig, und wenn in wenigen Tagen der NaNoWriMo beginnt, kommen noch mal zwei neue Projekte dazu. Ich muss dringend wieder einmal ein Buch fertigmachen, sonst wird die Liste wirklich sehr unübersichtlich. Was muss ich auch immer so lange Sachen schreiben!

- Wie bist du zur Fantasy gekommen, und was fasziniert dich so an ihr?

Ich war eigentlich immer bei der Fantasy. Die allerersten Geschichten, die ich mir ausgedacht habe, waren ganz selbstverständlich phantastische Geschichten, weil ich keine Grenzen kannte - wenn es sowieso erfunden ist, warum soll ich mich dann damit aufhalten, was es auch in Wirklichkeit gibt und was nicht? Da war ich in der Grundschule, in der Unterstufe. Erst später habe ich angefangen, realistische Geschichten zu schreiben - aber selbst dann waren noch Elemente des Phantastischen drin. Ich würde das, was ich in der Zeit geschrieben habe, auch eher als Grotesken und Satiren bezeichnen denn als realistische Literatur. So ganz und gar ohne phantastische Elemente kann ich auch gar nicht arbeiten, denke ich.
Mein Verstand funktioniert so, dass selbst in einer Geschichte, die eigentlich von Straßengangs in New York handeln sollte, früher oder später Unsterbliche, Zeitreisende und Elben auftraten. Ich finde es sehr schwer, mich auf eine Welt zu beschränken, wenn ich weiß, dass ich so viele Möglichkeiten zur Auswahl habe. Ich liebe an der Fantasy die Vielseitigkeit, die sie bietet, und gerade darum nerven mich viele Fantasyromane so sehr, weil sie das nicht ausnutzen - da wiederholt sich so viel, man hat das Gefühl, den gleichen Roman schon zehnmal gelesen zu haben, jedes Mal mit marginalen Änderungen, und das ärgert mich. Wenn man schon alles kann und alles darf - dann soll man das gefälligst auch ausnutzen und nicht den endlos-ersten Abklatsch vom »Herrn der Ringe« oder »Biss zum Morgengrauen« schreiben. Es ist schade, dass die Fantasy so einen schlechten Ruf hat, aber manchmal denke ich, den hat sie auch verdient.

- Gibt es Genres, die du dir überhaupt nicht zutrauen würdest, obwohl sie dich reizen?

Da muss ich wohl meine geliebten klassischen Krimis nennen. Ich liebe Kriminalromane - Dorothy Sayers, Margery Allingham, Agatha Christie, das ganze Genre der Mördersuche zum Mitraten. Ich wollte immer Krimis schreiben, und ich habe es auch hinreichend versucht. Bevor ich zur Fantasy gekommen bin, hatte ich verschiedenste Krimis in der Mache - schillernde Detektive, geniale Morde, ich war wirklich gut darin, meine Spuren zu verwischen und mir die perfekten Alibis zu suchen - da war nur ein Problem. Meine Morde waren zu perfekt. Ich hatte keine Ahnung, wie ich die aufklären sollte, und so sind alle meine Versuche, Krimis zu schreiben, schlichtweg krepiert. Mein letzter Versuch hat es auf über 270 Seiten gebracht, handschriftlich, nach denen ich zugeben musste, dass ich selbst keine Ahnung hatte, wer denn nun der Mörder ist, und dann habe ich das Genre aufgegeben.
Ich würde immer noch gerne mal einen richtig klassischen Krimi schreiben. Aber obwohl ich mich in den letzten zwanzig Jahren wirklich sehr stark weiterentwickelt habe, sehe ich bis heute nicht, dass sich mein Problem mit den Krimis gelöst hätte. Natürlich, meine schriftstellerischen Fähigkeiten sind heute besser als damals - aber das gilt auch für meine Morde, die jetzt noch komplexer konstruiert sind und genauso wenig aufzuklären wie damals. Was ich bräuchte, wäre ein Co-Autor, der aufklärt, was ich umbringe, dann könnte es etwas werden. Ich alleine? Keine Chance. Und ehe jetzt andere Autoren bei mir vorstellig werden: Glaubt mir, mich will man nicht zum Co-Autor haben.

- Hast du bestimmte Schreibrituale, oder eine spezifische Zeit, zu der du schreibst?

Je länger ich nicht geschrieben habe, desto mehr Rituale brauche ich, um ans Schreiben zu kommen. Aber wenn ich gut dabei bin, brauche ich nicht viel - vielleicht eine Tasse Tee und ein paar Weingummis in Greifweite. Als ich noch überwiegend per Hand geschrieben hatte, bin ich nie ohne meinen Collegeblock aus dem Haus gegangen, und ich konnte wirklich überall, wo ich gerade war, schreiben. Ich habe einmal eine heiße Liebesszene im Nahverkehrszug geschrieben, während neben mir ein ziemlich unangenehm riechender Mann vor sich hingeschnarcht hat. Aber je mehr Buhei ich um das Schreiben mache, desto mehr Rituale kommen ins Spiel - dann kann ich meine Sitzungen nur noch zur vollen Stunde beginnen, ich muss immer wieder die gleiche Musik hören, oder ich sprühe mich mit Parfüm ein, damit mich die Düfte inspirieren.
Inzwischen schreibe ich überwiegend nachts, und zwar nach Mitternacht. Ich bin selbständig und kann es mir erlauben, dafür den halben Tag zu verschlafen, aber nur nachts habe ich wirklich Ruhe. Das Telefon geht nicht, niemand klingelt an der Tür, es fahren keine Autos, und vor allem ist im Forum nichts mehr los - also alles, was mich sonst ablenkt, fällt aus. Es ist nur schade, dass ich dann manchmal von meinem Mann nicht mehr viel sehe, weil er als Normalsterblicher zu ganz anderen Zeiten aufstehen muss als ich. Aber für die Kunst muss man auch mal Opfer bringen.

- Was bist du - Plotschreiberin oder Aus-dem-Bauch-heraus-Schreiberin?

Beides, würde ich sagen. Ich habe üblicherweise ein Konzept, dem ich sehr genau folge, aber ich stelle mir keinen Szenenablaufplan auf und weiß auch nicht im Vorfeld, in welchem Kapitel was passieren soll. Wenn ich zu genau im Vorfeld plane, wird das Schreiben aufs Runterschreiben reduziert, und ich habe nichts mehr zu denken - dann wird es mir schnell langweilig. Es kommt oft genug vor, dass ich mich zum Schreiben hinsetze und noch keine Ahnung habe, was in den nächsten Stunden passieren wird. Ich habe einen Anfang, und ich weiß, wo ich hinwill, aber den Mittelteil erarbeite ich mir, während ich schreibe.
Wenn ich einen neuen Roman plane, geht es mir von allem um die Hintergründe. Letztlich ist es auch nicht anders, als würde ich doch Krimis schreiben - ich begehe vielleicht nicht mehr immer einen Mord, aber ich stelle Geheimnisse auf, die geklärt, und Fragen, die beantwortet werden wollen. Wenn das ganze Gerüst steht, lasse ich meine Helden darauf los, und schaue, wie sie reagieren, welche Theorien sie aufstellen, und was für Schlüsse sie für sich selbst ziehen. Ich kann stundenlang über meinen Hintergrund reden. Aber wenn ich versuchen müsste, die eigentliche Handlung eines zukünftigen Buches zu erzählen, würde es wohl auf: »Und dann … Blah« hinauslaufen.

- Arbeitest du gut unter Druck, oder brauchst du deine Ruhe?

Ich brauche Ruhe - und den Druck mache ich mir selbst. Ich bin sehr gut darin, mich unter Druck zu setzen. Manchmal zu gut, dann habe ich so viel Druck, dass ich meiner eigenen Erwartungshaltung nicht mehr gewachsen bin. Aber ich muss allein sein zum Schreiben. Wenn jemand hinter mir steht, mir über die Schulter sieht oder fragt, wie weit ich schon bin oder wie viel ich schon geschafft habe, dann kann ich nicht mehr. Nicht, dass ich solche Situationen nicht durchaus genießen würde - aber dann komme ich ans Erzählen und nicht mehr zum Schreiben selbst. Wenn ich schreiben will, brauche ich Zeit für mich selbst und muss selbst entscheiden, welche Außenreize ich zulasse - ob ich dabei fernsehe oder Musik höre, es lässt sich von mir kontrollieren. Mit Menschen geht das weniger gut. Der einzige Mensch, den ich beim Schreiben in meiner Nähe ertrage, bin ich selbst.

- Wie genau nimmst du es mit der Recherche? Macht sie dir Spaß, oder ist sie für dich ein notwendiges Übel?

Das kommt auf die Recherche an. Wenn ich für ein Buch ein Halbdutzend dicker Wälzer lesen müsste, um genug über meinen Hintergrund zu wissen, um auch nur die ersten Seiten zu schreiben, dann verliere ich das Interesse. Alles zu seiner Zeit - wenn ich lesen will, lese ich, aber wenn ich schreiben will, will ich auch schreiben. Ich profitiere davon, dass ich seit frühester Kindheit Wissen aus allen erdenklichen Ritzen in mich aufgesogen habe, und dazu kommt ein gutes Gedächtnis für Tatsachen, die ich vermutlich nie wieder brauchen kann. Ich muss also nicht immer bei Null anfangen.
Es gibt Gegenden und historische Epochen, in denen kenne ich mich so weit aus, dass ich sie als Kulisse benutzen kann. Aber dann geht die eigentliche Arbeit los, die Recherche im Kleinen, und da bin ich ein Perfektionist. Es macht mir auch Spaß, mir zigverschiedene Quellen herauszusuchen und das Puzzle zusammenzusetzen - mehr, als drei dicke Bücher mit vorgekautem Wissen nur noch durcharbeiten zu müssen. Ich habe mit historischen Eisenbahnfahrplänen gearbeitet, alte Zeitungen aus Archiven heruntergeladen, Filme, Bücher, Bilder, Annoncen aus meiner Epoche recherchiert: Ich arbeite lieber mit echten historischen Quellen, die ich selbst interpretieren kann, als mit Aufarbeitungen. Ich will die Gelegenheit haben, mein Themengebiet selbst kennenzulernen, aber dann muss auch nach Möglichkeit jedes Detail stimmen.

- Welche Art Figuren schreibst du am liebsten? Welche überhaupt nicht gern?

Ich kann mich am besten mit Figuren identifizieren, die bereits vorgeschädigt in die Geschichte hineingehen. Sie müssen nicht völlig kaputt sein, obwohl ich auch das schon öfters hatte, aber sie brauchen zumindest einen Knacks. Dabei ist es selten Druck von außen, dem meine Figuren ausgesetzt sind, oder ein hartes Schicksal, mit dem sie ringen müssen, sondern ihre eigenen Dämonen, die sie mit sich herumschleppen. Viele meiner Hauptfiguren kämpfen mit Depressionen oder haben Alkoholprobleme - und wenn das Buch zu Ende ist, haben sie ihre Dämonen immer noch. Sie werden nicht auf magischem Weg geheilt, sie wachsen nicht plötzlich über sich hinaus und erkennen, dass sie keine Drogen brauchen, um glücklich zu sein, und rühren von dem Tag an keinen Tropfen mehr an - sie sind zu Beginn der Geschichte kaputt, und am Ende sind sie es immer noch, weil ich alles andere verlogen finde.
Trotzdem sind sie wandlungs- und entwicklungsfähig, sie reagieren auf ihre Umgebung, wie ihre Umgebung auf sie reagiere, und sie nehmen viel von ihrem Konflikt aus sich selbst heraus. Sie haben ihre Gründe, warum sie so sind - nicht nur durch Traumata oder eine harte Kindheit, auch durch genetische Anlagen oder einfach einen ständigen Widerspruch zu dem, was für normal erachtet wird - sie sind niemals glatt, sie sind rau, damit die Leser und ich selbst uns an ihnen reiben können. Ich will nicht mit der moralischen Keule ankommen und sagen »Seht her, Kinder, dass ihr nicht einmal selbst so endet!« - ich kann mich einfach nicht in heile, makellose Figuren hineinversetzen. Wenn sie nicht schon von Haus aus getrieben sind, was soll sie dann antreiben?
Dementsprechend komme ich - auch als Leser - schlecht klar mit Figuren, die so normal sind wie irgendwie möglich, in der Absicht, dass sich dann möglichst viele Leser mit ihnen identifizieren können sollen. Ich kann mich nicht mit jemandem identifizieren, dem in meinen Augen die Identität fehlt. Figuren müssen nicht einmal sympathisch sein - viele meiner Hauptfiguren können echte Charakterschweine sein - wenn sie dafür in sich glaubwürdig sind. Bei meinem ersten Kinderbuch habe ich mich so verrenkt, ein ganz normales Mädchen zur Heldin zu machen, dass sie mich bis heute langweilt. Ich denke, es ist auch möglich, eckige und kantige Zwölfjährige zu beschreiben. Selbst wenn die dann kein Alkoholproblem haben (was ich doch schwer hoffe!), gibt es doch auch da viel Potential für das Besondere.
Trotzdem, es fällt mir deutlich leichter, Figuren für Erwachsenenbücher zu entwickeln. Nicht, weil ich zu wenig Vorstellung vom Leben und den Problemen Jugendlicher habe, aber weil jugendliche Leser ihren Helden deutlich weniger verzeihen. In einem Buch für Erwachsene kann ich meine Hauptfigur besoffen Motorrad fahrenlassen - als Jugendliche hätte ich so ein Buch in die Ecke gepfeffert und mich maßlos über seinen Helden aufgeregt. Es gibt einen höheren Anspruch an die charakterliche Integrität. Und das fällt mir manchmal schwer.

- Welches Genres liest du selbst gern? Kannst du ein paar Bücher empfehlen?

Ich lese - neben den erwähnten Kriminalromanen - immer noch sehr gerne Fantasy, und ich scheue auch vor Klassikern nicht zurück. Ein Buch, das mich zutiefst beeindruckt hat und mich nachhaltig bei der Konstruktion meiner Figuren geprägt hat, war »Schuld und Sühne« von Dostojewskij - ein derart großartig geschriebenes Buch, dass ich mich ein halbes Jahr lang unwürdig gefühlt habe, auch nur eine Zeile zu Papier zu bringen. Und wenn mich in meiner Ausbildung - ich bin ja gelernte Buchhändlerin - ein Kunde nach einem spannenden Psychothriller gefragt hat, habe ich immer »Schuld und Sühne« empfohlen. Ein anderes russisches Buch, das ich sehr liebe, ist »Zwölf Stühle« von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, eine Gaunerkomödie mit abenteuerlicher Jagd quer durch das nachrevolutionäre Russland, das von seinen schrägen Figuren lebt, und dann gibt es natürlich noch »Die Reise nach Petuschki«, das ultimative Säuferbuch.
Noch ein ganz schräges, phantastisches Buch, das man gelesen haben muss, ist »Gormenghast« von Mervyn Peake. Es sind nur drei (von geplanten sieben) Büchern jemals erschienen, und der Dritte besteht nur aus Fragmenten und ist effektiv unlesbar. Aber die ersten beiden Teile sind wirklich Weltklasse - wenn man Figuren am falschen Rand des Wahnsinns mag, Intrigen, verschrobene Rituale, und ein Buch, in dem der Handlungsort, das namensgebende Schloss, die eigentliche Hauptrolle spielt.
Ebenfalls nicht wegzudenken aus meinem Bücherregal - neben »Alice im Wunderland«, was ich wohl niemandem mehr extra empfehlen muss - sind die »Mumin«-Bücher der Finnin Tove Jansson, die mehr als bloße Kinderbücher sind, sondern wundervoll philosophische Charakterstudien, in denen jeder sich selbst, seine Freunde und Familie wiederfinden kann. Wenn alle Leute ihren Mumin gelesen hätten, könnte ich viel, viel kürzere Interviews geben - ich müsste nur sagen »Ich bin der Mumrik«, und jeder weiß Bescheid.
An aktuelleren Titeln hat mich »The Girl who circumnavigated Fairyland in a ship of her own making« von Catherynne M. Valente zutiefst beeindruckt, ein Buch, das es an Wärme und Philosophie mit »Alice im Wunderland« aufnehmen kann. Und Catherine Fishers »Incarceron« war für mich endlich mal wieder ein Fantasybuch, das mich überraschen konnte und sich nicht in Schubladen steckenlässt …
Ach, du darfst mich doch nicht nach Buchempfehlungen fragen! Ich bin Autorin, Buchhändlerin UND Bibliothekarin, da höre ich doch nie wieder auf! Ich muss doch noch Dickens erwähnen und Stevenson und das »Letzte Einhorn« und Terry Pratchett und Wilkie Collins und Phoebe Atwood Taylor - aber ich mache doch lieber Schluss. Wer noch mehr Büchertipps haben möchte, kann sich gerne per Mail an mich wenden. Aber dieses Interview platzt jetzt schon aus allen Nähten -
Bis auf »Hamlet«. Den muss auch jeder mal gelesen/gesehen/geliebt haben. Und jetzt bin ich still.

- Lässt du dich von den Werken anderer beeinflussen (Romane, Musik, Filme)?

Ungern. Ich tue es, natürlich; man müsste als Autor taub, blind und vermutlich tot sein, um nicht aus allem, von dem man umgeben ist, seine Inspiration zu ziehen, aber ich meide das, wovon zu viele andere sprechen. Das heißt, ich habe den »Herrn der Ringe« nie gelesen (nur den »Hobbit») und auch die Filme nicht alle gesehen, ich weiß nur wenig über die »Twilight«-Bücher, habe »The Hunger Games« noch nicht gelesen und bin beim »Song of Ice and Fire« irgendwo im ersten Band ausgestiegen, lange bevor es irgendjemand anderes kannte. Und bei »Harry Potter« habe ich das letzte Buch nicht gelesen, aber zumindest alle anderen.
Ich mache das nicht aus böser Absicht oder weil mich diese Geschichten nicht interessieren, aber weil ich zu viel darüber gehört habe, als dass ich noch unbefangen an diese Geschichten herangehen könnte. Was mich inspiriert, sind dementsprechend eher die kleinen, unbekannten Schätze, die ich selbst entdeckt habe. Aber auch von dort entnehme ich eher eine Stimmung, einen Klang, ein Gesicht, als Geschichten selbst. Dafür habe ich sehr eindrucksvolle Träume und habe schon ganze Romane auf ihnen aufgebaut - die Ideen müssen dann natürlich eine Weile sacken und mehrmals destilliert und raffiniert werden, um sich in etwas zu verwandeln, das auch mit wachen Augen noch einen Sinn ergibt, aber genau das sind dann die Geschichten, die mich über lange Zeit nicht mehr loslassen.

- Wenn du ein Werk der Literatur neu schreiben dürfest, welches wäre das?

Ich habe mich schon oft über Bücher geärgert und gesagt »Wenn das meins wäre, dann hätte ich das so-und-so gemacht« - aber das sind dann oft Bücher, von denen ich so wenig überzeugt bin, dass ich auch keine Lust hätte, sie neu zu schreiben. Was ich aber wirklich gerne ändern würde, wäre der Schluss des Märchens »Die Schöne und das Tier«. Da ist dieser Moment, wo sie in letzter Sekunde ankommt und den Prinzen erlöst. Das stört mich wirklich, weil es so viel Bedeutung aus der Geschichte hinausnimmt. In meiner Version des Märchens kommt sie zu spät, und der Prinz muss für alle Zeit in Gestalt des Tieres bleiben - und es ist ihr hackegal, weil sie ihn so liebt, wie er ist.
Ähnlich aufgeregt habe ich mich auch über das Ende vom Ende - genauer gesagt, vom »Wunschpunsch«. Da werden die beiden leidenden Tiere am Ende verzaubert und bekommen ihren Lebenswunsch erfüllt, und der Kater ist nicht mehr hässlich schwarz, sondern schön weiß - ja geht’s noch? Was für eine Botschaft soll das denn sein? Wenn ich könnte, würde ich da wirklich noch mal Hand anlegen.
Und ganz und gar neu schreiben würde ich »Catriona« von Robert Louis Stevenson, die Fortsetzung des von mir überaus geschätzten »Kidnapped«. Da hatte der Autor so eine tolle Figur wie Allan Breck Steward und hätte noch ein ganzes Buch über ihn schreiben können, und was tut er? Lässt Allan nur einmal kurz am Rand auftauchen und nimmt den schlaffen Davy, dem er eine lahme Liebesgeschichte anhängt - wirklich, dieses Buch gehört ersetzt durch eines, das seinem Vorgänger würdig ist!
Aber grundsätzlich lasse ich anderen Autoren ihre Fehler und mache lieber meine eigenen. Damit habe ich schon genug zu tun. Und wenn ich erst mal die zehn Romane in meiner Schublade überarbeiten muss … Schweigen wir von etwas anderem!

- Danke für das Interview, liebe Maja, und auch weiterhin viel Erfolg!