Samstag, 27. April 2013

Ein Plädoyer für George R.R. Martin

Man liest sie Tag für Tag in diversen Fantasy-Foren - die Frage nach dem nächsten Band vom Lied von Eis und Feuer. Und mit ihr kommt die Unmut. Denn Herr Martin braucht in den Augen der Fans zu lange, ihn zu schreiben, verschiebt den Release-Termin laut einigen sogar willentlich, um mehr Geld zu scheffeln. Die große Ikone ist zu einem Boxsack für die Allgemeinheit verkommen. Amazon-Rezensenten zerreißen den letzten Band, A Dance with Dragons (im Deutschen zwei Bände, Der Sohn des Greifen und Ein Tanz mit Drachen), weil sie nicht zufrieden waren mit den Ergebnissen ihrer Wartezeit.

Ganz ehrlich, Leute: What the hell is wrong with you???

Ich meine, ich glaube nicht, dass GRRM die Veröffentlichung mit Absicht herauszögert. Vielmehr ist es ja so, dass er ein Mensch ist und damit Grenzen hat. Er hat Familie, Freunde. Er kann krank werden wie jeder andere auch. Er steckt bis zum Hals in den Arbeiten an der TV-Serie, weil er als Co-Autor des Drehbuchs fungiert (und bevor jemand unkt, dass er das ja nicht tun müsste: Doch. Jeder, wirklich jeder Autor würde das an seiner Stelle tun, wenn ihm die Chance geboten wird.) Er geht auf Conventions, um seinen Fans die Möglichkeit zu geben, ihm Fragen zu stellen. Er muss Interviews geben. Vielleicht macht er sogar einmal Urlaub.

Autoren-spezifischer: Er kann eine Schreibblockade haben. Mitbekommen, dass irgendetwas nicht so funktioniert wie geplant, sodass er Kapitel neu schreiben muss. Muss die Kapitel neu arrangieren, um herauszufinden, wie sie am besten passen. Vielleicht hat er Tage, an denen es ihm an Inspiration mangelt, sodass er langsamer vorankommt als normalerweise.

Ich möchte gern ein rein fiktives Beispiel anbringen, wie es im Hause Martin möglicherweise abläuft. Ich beziehe mich mit meinen Angaben auf die englische Ausgabe von ADwD.

Eine Standardseite hat, sagen wir mal, um die 250 Wörter. A Dance with Dragons hat 1040 Seiten. Macht 260.000 Wörter. So. Sagen wir, GRRM schreibt um die 1000 Wörter am Tage (merke: nicht immer!) Theoretisch könnte der Roman in 260 Tagen beendet sein, wenn er 1000 Wörter schafft. Aber jetzt nehmen wir mal an, er nimmt sich Wochenenden frei, um seine Batterien aufzuladen, und hat an sagen wir 60 Tagen im Jahr etwas anderes zu tun, z.B. Conventions, oder krank sein. Das sind alles in allem 156 Tage, an denen er nicht zum Schreiben kommt, und 209 Tage, die er nutzen kann. Macht 209.000 in einem Jahr. THEORETISCH. Eigentlich hat er mehr geschafft, musste aber vieles verwerfen, weil es nicht passen wollte.

Nehmen wir an, die letzten beiden Romane (ADwD und The Winds of Winter) peilen insgesamt 1 Million Wörter an. Wenn wir die Kalkulation oben nutzen, braucht GRRM 1000 (!) Tage, um sie zu beenden. Ohne Wochenenden, ohne Conventions, ohne alles. Er bräuchte fast 3 Jahre, um fertig zu werden. Wenn er, wie oben angenommen, freie Tage nimmt, kommt man auf schätzungsweise 450 Tage. Also schreibt er rund 645.000 Wörter in drei Jahren. Macht immer noch 355.000 to go. Merkt ihr, worauf es hinausläuft? Er BRAUCHT schlichtweg all die Zeit, die er sich nimmt. Es ist KEINE WILLENTLICHE ENTSCHEIDUNG.
(Ich weiß, was ihr jetzt denkt: 'Aber dann muss das letzte Buch in zwei Jahren erscheinen!' Ja, das stimmt wohl. Aber nur, wenn GRRM wirklich 1000 Wörter am Tag schreibt, was ich stark bezweifle. Ich bin selbst ein schneller Schreiber. Als ich letztes Jahr am National Novel Writing Month teilgenommen habe, kam ich auf rund 2000 Wörter am Tag. (Das war aber nur für einen Monat; mein normaler Tagesdurchschnitt beläuft sich auf 700 Wörter.) Aber: Ich bin 18, und GRRM ist 64. Das ist ein großer Unterschied. Möglicherweise schreibt er nur 500 Wörter am Tag. Dann braucht er 2000 Tage, also über 5 Jahre zum Beenden. Ohne Urlaub und freie Tage. Aller Wahrscheinlichkeit nach schreibt er sogar noch weniger Wörter am Tag.)

Oh, und eine Sache noch: GRRM musste A Feast for Crows und A Dance with Dragons KOMPLETT neu schreiben. Rund 2000 zusätzlich geschriebene Seiten. Eine Menge an Arbeit, bei der mir die Kinnlade runterfällt, wenn ich daran denke, sie selbst leisten zu müssen.

Ich kann ja verstehen, dass ihr alle auf die Folter gespannt seid, wie die Story weitergeht - ich bin es ja schließlich auch. Aber ich rate jedem, der es für nötig erachtet, Gift in GRRMs Richtung zu speien, dringendst dazu, einmal selbst 2000 Seiten zu schreiben, sie dann zu löschen und noch mal ganz von vorne anzufangen. Und dann mal eben dazu überzugehen, noch mal 2000 Seiten zu schreiben. Mal sehen, wie weit die Hater kommen.

Nur meine 2 Cent zu diesem ewig lästigen Thema.