Mittwoch, 16. Januar 2013

Rezension: Joe Abercrombie - Best Served Cold

Inhaltsangabe

Die erfolgreiche Söldnerführerin Monza Murcatto wurde von ihrem Arbeitgeber, dem machthungrigen Duke Orso, und ihren eigenen Offizieren verraten. Einen Berg hinuntergeworfen, zusammengeflickt von einem seltsamen Knochendieb, sinnt sie nun auf Rache.
In ihrer Verzweiflung heuert sie einige der am wenigsten vertrauenswürdigen Männer und Frauen Styrias an: den Nordmann Shivers, den verräterischen Giftmischer Morveer und seine Assistentin Day, Ex-Söldnerführer und Trunkenbold Nicomo Costa, dem Monza einst seinen Rang gestohlen hat, den von Zahlen besessenen Massenmörder Friendly und die Ex-Foltererin Vitari. Gemeinsam gehen sie auf die Jagd nach den sieben Männern, die Monza verkrüppelt und ihren Bruder Benna getötet haben, und ziehen eine blutige Spur durch ganz Styria...


Rezension

Anstelle des kalten Nordens, den geneigte Leser aus der First Law-Trilogie kennen, gibt es in "Best Served Cold" das mediterrane Styria. Klares Vorbild für das sich im Krieg befindende Land war das schöne Italien. Umso irritierender ist es, dass die korrekte deutsche Übersetzung für seinen Namen "Steiermark" wäre... und da ist ja bekanntlich ein Bundesland Österreichs. Wie dem auch sei. Styria wird als ebenso hartes und schmutziges Land wie der Norden dargestellt, voll mit Halunken und Intriganten. Es ist in mehrere Herzogtümer unterteilt, von denen acht die League of Eight bilden, die sich gegen Duke Orso von Talins und seine Verbündeten (darunter die aus der First Law-Trilogie bekannte Union) stellen, um zu verhindern, dass dieser sich zum König über Styria aufschwingt. Doch bekanntlich ist nichts so, wie es scheint, und so sind nicht die Herzöge die wahren Fädenzieher, sondern die Bank Valint und Balk. Gesellschaftskritik? Vielleicht, auf jeden Fall wirkt das Ganze sehr plausibel und vor allem realistisch.

Die Charaktere sind mit Abercrombie-typischem Realismus gezeichnet. Explizite Vulgärsprache inklusive. Das gefällt sicher nicht jedem Leser, trägt für mich aber zur Glaubwürdigkeit der Figuren bei. Denn ganz ehrlich, ein knallharter, aus einfachen Verhältnissen stammender Söldner, der "Hättet Ihr bitte die Güte, zu sterben, mein Herr" sagt? Dann doch lieber "die, you fucker!" Allgemein hat man aber trotzdem einen Overdump an dieser jedem Stirb langsam-Streifen die Schamesröte ins Gesicht treibenden Vulgärsprache. Genauso nervig ist aber auch Morveers übertrieben hochgestochene Sprache. Der einzige Charakter, der angenehm unauffällig und zurückhaltend ist, ist ausgerechnet der Massenmörder Friendly, der die Würfel wirft, um zu sehen, wie der Tag wird, der zwanghaft alles zählen muss, was ihm unter die Augen kommt, und der am liebsten in die geordnete Sicherheit des Gefängnisses zurückkehren würde. Von allen Figuren war er mir in seiner Schlichtheit der liebste, dicht gefolgt von Shivers, ehe er im Zuge einer Verwundung eine extrem unschöne Wandlung vom liebenswürdigen Optimisten zum grausamen Mörder durchläuft. Was die Sympathie angeht, ist aber ganz klar Nicomo Costa mein Favorit. Ich habe einfach eine Schwäche für arrogante Arschlöcher mit Alkoholproblem (wenn auch nur in der Literatur). Hauptfigur Monza jedoch war mir hochgradig unsympathisch, sodass ich froh war, wenn die Perspektive gewechselt wurde.

Das größte Manko des Romans ist seine Episodenhaftigkeit. Wenn einer der Verräter "back to the mud" gegangen ist, wurde ein Cut gesetzt, und die Handlung setzte sich in der nächsten Stadt fort (jawohl, die Verräter befinden sich alle in unterschiedlichen Städten. Ich bin sicher nicht die Einzige, die sich davon stark an alte Fantasyschinken erinnert fühlte. Go there, kill these, then start again). So bleiben die einzelnen Orte größtenteils scheußlich farblos, und es fühlt sich alles gehetzt an.

Manko Nummer 2: Zu. Viele. Kämpfe. Ich habe nichts gegen ein wenig Action, aber das ist mir eindeutig zu viel gewesen. Ich meine, kann man denn niemanden umbringen, ohne gleich ein Blutbad mit Dutzenden Toten zu verursachen? Sie haben schließlich einen Meistergiftmischer in der Gruppe! Hier hat Abercrombie definitiv Potential verschenkt. Wie dem auch sei. Wenn man gefühlt alle 10 Seiten einen Kampf liest, wird das irgendwann langweilig, vor allem, da Abercrombie dazu neigt, die immergleichen Umschreibungen zu benutzen.
Außerdem sind die Kämpfe viel zu lang. In den allermeisten Fällen ist der erste Kontakt entscheidend, vor allem dann, wenn die Kämpfer nicht gerüstet sind. Und wenn ich dann lese, dass Charaktere mindestens eine halbe Stunde lang miteinander fechten, selbst dann, wenn sie schwer verwundet sind, ist das einfach nur unglaubwürdig. Abercrombie sollte vielleicht einmal Reenactment ausprobieren oder Fechtstunden nehmen, dann bekommt er vielleicht ein Gespür dafür, wie lang Kämpfe idealerweise dauern sollten.

Jetzt aber genug gemeckert. Trotz dieser beiden gravierenden Mankos ist "Best Served Cold" ein extrem fesselndes Buch mit glaubwürdigen Figuren, das ich kaum aus der Hand legen konnte. Man fiebert mit, und so manches Mal überrascht Abercrombie mit unerwarteten Wendungen, die die ganze Geschichte in eine andere Richtung reißen. Keiner Figur kann man trauen, es gibt interne Machtspielchen in der Gruppe der 'Rächer', und so weiß man nie, was als Nächstes passiert (es sei denn, einer der Verräter ist involviert, versteht sich). Roter Faden ist nicht nur die Rache, sondern auch die herrlich unsentimentale Hassliebe zwischen Monza und Shivers, die für mich ein kleines Highlight des Romans ist. Neben den grimmigen Lachern, die so mancher schwarzer Witz provoziert.

Pro und Contra

+ realistisches Setting
+ glaubwürdige Charaktere
+ schwarzer Humor
+ fesselnde Story mit unerwarteten Wendungen

- Episodenhaftigkeit der Handlung
- farblose Schauplätze
- zu viele und zu lange Kämpfe
- zu viel Vulgärsprache

Alles in allem ein solider, wenn auch nicht überragender Roman mit kleineren Schönheitsfehlern.

4/5 Punkten.